Nachruf für Liliane

Hommage an einen wunderbaren Menschen
Nachruf für Liliane Kreuter, 31.1.57 – 16.1. 2017 Von Christa Seiler
Da war sie doch grad eben noch: mit wehendem Haar sie geht von einem Märithäuschen zum andern, schaut einen mit warmem Blick an, fragt: ‚Wie geht es dir auf dem Märit?‘, verweilt mit einer kleinen Geschichte, wandert zum nächsten Häuschen, nimmt Anteil, ist präsent für den ganzen, ihren geliebten Weihnachtsmärit, mit dem sie von Anfang an verbunden ist.
War … – Das mit dem ‚grade eben noch‘ stimmt, äusserlich real gesehen, auch nur halb: denn das war zum letzten Mal vor einem Jahr … Dann kam jetzt gegen den Winter hin die Nachricht von der Erkrankung; und entgegen ihrer ersten Empfindung, dass sie trotzdem bei uns sein wird, kam alles ganz anders.
Innerlich aber! Innerlich real gesehen wandert sie weiter von Häuschen zu Häuschen, stellt Fragen mit ihrer warmen, klingenden Stimme, ist nah.
Sie wandert nun woanders.
In der Todesanzeige steht: ‚Liliane hat ihre letzte Reise angetreten. Lassen wir sie weiterziehen auf dem Weg, der auf keiner Karte zu finden ist.‘
Seltsam: wie sie reist – mit offenem Herzen, warmem Blick, neugierig, manchmal auch kritisch, unerschrocken aussprechend, wenn etwas nicht in Ordnung ist, herausfordernd, verbindend, und immer dem Einzelnen und dem Ganzen zugetan – das kennen wir. So behalten wir sie dankbar in Erinnerung.
Ihre Kreativität und ihr grosses Engagement all die Jahre für unseren Markt wird uns über alle Zeiten begleiten, und davon wird immer ein leiser Schimmer bleiben, auch wenn wir vieles ganz anders machen werden.
Ein grosses stilles Dankeschön, liebe Liliane, – und eine friedvolle Reise!

Eindrücke passieren lassen

Einige Eindrücke vom Berner Münster Weihnachtsmarkt 2016 Revue passieren lassen …
Gut zwei Wochen nach Beendigung des Marktes ist es eine gute Zeit, ein wenig zurückzublicken – vor allem, wenn es draussen aussieht so wie heute: Schnee! Schnee!
Grad hab ich meine uralte Büsi-Dame – die schon mehrmals fast totgesagt wurde – in einem Video festgehalten: wie ein junges Kalb im Frühling spielte sie ‚Katz und Maus‘ mit dem Schnee im Gärtchen! Sich ducken, anpeilen, und dann rasant loslegen!
Ich erinnere mich, als wir uns vor vielen Jahren auf unserem Markt vor der Schneepracht kaum zu retten wussten: die tapferen Männer stiegen auf unsere Dächer und wischten – was gisch was häsch – weisse Pracht hinunter! Aber wohin bloss damit: neben und hinter den Häuschen war alles schon verstopft! Also in die Mitte der Passagen für die Besucher! Wälle, aus denen dann, wenn es uns ein wenig langweilig war, viele lustige – und natürlich kreative! – Schneemänner entstanden. Herrlich war es allemal!
Nun, im vergangenen Dezember war das Wetter ganz unspektakulär: regenfrei, schneefrei, oft nebelfrei – und sehr sehr sonnig. Wäre es nicht dennoch ab und zu ziemlich kalt gewesen, hätte man sich ganz woanders wähnen können.
Kinder.
Ich möchte mich diesmal im Rückblick ein wenig den Kindern auf unserem Markt zuwenden:
Da war zum einen die Ecke mit dem Stand zum Kerzenziehen, mit viel wunderbarem Leben und fröhlichem Kinderlachen. Am herrlichsten und komischsten fand ich, wenn Kinder mit den kleinen, schmalen ‚Sprossen‘ ihrer entstehenden Kerzen wild um unsere Häuschen rannten: oft schlenkerten sie die Dochte mit den ersten, noch warmen Umhüllungen im Laufschritt völlig bedenkenlos kreuz und quer durch die Luft. Die werdenden Kerzen glichen dann oft eher einer Berg- und Talfahrt … krumm, verbogen, verrenkt.
Da dachte ich mir: man könnte von den Knirpsen doch eigentlich Unerschrockenheit und Spontaneität wieder lernen!
Ein Geheimtipp waren auch unsere ‚Spuren im Schnee‘! Irgendwie fühlte sich das alles zwar etwas abstrakt an – wenn ich es mit dem heutigen Tag vergleiche …
Aber es hatte feine, kleine Zeichen und Bemühungen meiner Kolleginnen und Kollegen vom Markt, die zu unserem Märitthema etwas beitragen wollten: Fussspuren auf Tellern bei einer Töpferin; ein Memory aus Ton mit ‚Tätzli‘ – da wurde eifrig gespielt! -; gestickte und gedruckte Spuren auf Vlies, und notabene: eine ganze Wand, die zur Verfügung stand, um auf grossen Blättern Papier mit Stempeln Tierspuren zu hinterlassen. Das war für die Kinder ein Fest!
Dann gab es die kleinen feinen Gesten von Kinderhändchen, die zuweilen leise und etwas ‚verstohlen‘ über die Federchen streiften, die ich an meinem Häuschen angebracht hatte …
Und einmal wurden einige von uns Zeugen eines Gesprächs unter nicht mehr ganz kleinen Buben! Herrlich, sag ich Euch! Die standen zu dritt oder viert vor unseren Häuschen und unterhielten sich angeregt. Und plötzlich sah ich, wie mein Nachbar schmunzelte: da hatte doch einer von ihnen lauthals verkündet: ‚Ich stehle nicht gern!! Da schadet man doch anderen …!‘ – Aus dem wird bestimmt mal ein Pädagoge! Ich staunte, dass der mit so viel Selbstbewusstsein und Selbstverständlichkeit die andern in seine – nicht unbedingt populäre – Meinung einweihte!
Den Kindern die Zukunft!
Wir freuen uns schon wieder auf den nächsten Märit! Und heute: eine Schneeballschlacht!
Christa Seiler

Einige Gedanken zur Handwerkskunst

Bei wundervollem Winterwetter – allerdings ohne Schnee – konnten wir uns auf dem Münsterplatz wieder mit unseren Häuschen und all den selber hergestellten ‚Schätzen’ einrichten.
Alle Jahre ist es wieder ein Thema, ob es zeitgemäss und innovativ sei, nur Unikate aus den eigenen Ateliers und Werkstätten anzubieten. Die meisten von uns sind davon – und zwar mit Herzblut – überzeugt! Andere finden, es sei nicht zeitgemäss …
Da kam doch das Interview ‚zur Eröffnung unseres Marktes’, am 3. Dezember, im Berner Bund (‚StellenMarkt’: ‚Handwerk hat auch im 21. Jahrhundert ein grosses Potenzial’) von Mathias Morgenthaler mit dem Berner Möbelhändler und Innenarchitekten Philipp Kuntze gerade zum richtigen Zeitpunkt, um das Bewusstsein dafür nochmals zu schärfen. Ich jedenfalls habe es mit grosser Freude und Begeisterung gelesen, denn dieses Thema ist wie ein zartes Pflänzchen, das sorgfältigst gehegt werden muss …
Bei uns spielt sich ja nun im Kleinstrahmen ab, wovon Herr Kuntze spricht: … ‚Auch im Innenausbau ist vieles uniform. … Viele Schreiner wissen heute kaum mehr, wie man ein Holz seift oder sonst natürlich behandelt, manche Architekten und Designer haben nur bescheidene Materialkenntnisse. So sterben weltweit zahlreiche Handwerksberufe aus, was kulturell ein riesiger Verlust ist und der Jugend Perspektiven raubt.’
Das Interview hat mich sehr angeregt! Unter anderem fragte ich mich, wann denn eigentlich im wirklichen Sinne ‚mehr Wert‘ (Mehrwert) entsteht? Ich weiss, dass das eine ganz persönliche und keineswegs eine ‚offizielle’ Auslegung ist – und dass das Thema bei Marx ziemlich komplex abgehandelt wird: aber für mich, als Kunsthandwerkerin, gibt es keinen Mehrwert, der nicht durch ein inniges Engagement im Sinne von ’Hand anlegen’ entsteht. Einkaufen und Wiederverkaufen darf ja natürlich auch sein, aber niemals an einem Markt wie dem unseren!
Es kann ja stur wirken, aber es sind filigranste Grenzen: wann denn beginnt ‚Hand anlegen‘? Und weitergedacht: was macht also unseren Weihnachtsmarkt im innersten Kern und in den äussersten Gestaltungen so einmalig?
Ich meine: dass in jedem einzelnen ‚Produkt‘ die ‚Liebe zum Kleinen‘ – und hineingeheimnisst also auch der oder die Schaffende – in Erscheinung tritt, sichtbar, auch mit den kleinen Unregelmässigkeiten, die vom Mensch-Sein zeugen …
Das mit dem ‚weltweiten Aussterben’ geht unter die Haut und ist für unsereins sofort nachvollziehbar. Auch Herr Kuntze wurde gefragt, ob nicht jeder ein Nostalgiker sei, der das Rad zurückzudrehen versuche?
Äbe! Auch uns wird das manchmal vorgeworfen. Was solls?
Wenn man ein wenig tiefer hineinschaut in diese Problematik, und eine Umsicht pflegt bis in die globalsten Wirkungen dieser zentralen und sensiblen Thematik, dann schreckt man auch nicht vor all den Feinheiten zurück, die diese Fragen aufwerfen – und einen also veranlassen, das alles in die sorg- und achtsame Hut der Menschen zu legen.
Aus Liebe zur Menschheit …
‚Die Produkte verändern sich, das ist normal, aber wenn wir nicht dafür sorgen, dass die Handwerkstradition fortgesetzt wird, steuern wir direkt auf eine Katastrophe zu (P. Kuntze).’
In diesem Sinne möchten wir weiterhin intensivst für dieses Thema sensibilisieren, denn oft erwacht man erst an den feinen, mit dem Alltagsbewusstsein kaum zu ergründenden Grenzen …
Eine leiswarme Adventszeit – Christa Seiler

SAMICHLAUS IM WINTERGARTEN

Samichlaus im Wintergarten
Es blüht in Grün-, Weiss- und Erdtönen, allerorten, auf dem Weihnachtsmarkt beim Münster. In Waschzubern und Spritzkannen, in jedem Märithäuschen, und auch im Beizli zeugen wunderbare Pflanzen, auch soiche, die am Aufblühen sind, von unserem Märitthema. Das Deko-Team und unser Gärtner haben den Münsterplatz in einen zauberhaften Garten gewandelt! Aber wie das mit unseren Märitthemen fast jedes Jahr ist: das Feinsinnige, eher Leise muss aufgespürt und von jedem einzelnen Besucher entdeckt werden. Zuweilen machen wir darauf aufmerksam, und dann beginnen die Augen zu leuchten…
Mitten in diesem Garten ist letzten Sonntag, am 6. Dezember natürlich, der Samichlaus aufgetaucht! Nein: ohne Eselein, dafür mit einem Leiterwägeli, auf dem eine geheimnisvolle, glänzende Truhe thronte. Ab und zu wurde sie geöffnet – und da kamen Leckereien zum Vorschein! Der Samichlaus, dunkelrot gewandet und mit einem sehr grossen lockig-weissen Bart und einer entsprechenden Haartracht (der muss von weit gekommen sein, und schon lange keine Schere mehr gesehen haben!) war unterwegs mit seinem Schmutzli. Letzterer sah schon ein wenig gfürchig aus – ganz eingepackt in ein braunes Gewand, und von einem Ge- sicht sah man vor lauter schwarzen Haar- und Bartlocken sozusagen nichts. Aber es war herrlich und auch lustig zu sehen und zu hören, wie eher die Erwachsenen von Angst oder so sprachen: ‚Als Kind hätte ich Angst vor dem!‘ … Nicht so unsere kleinen Zeitgenossen! Vergnügt scharten sie sich sofort um die beiden, sagten Verslein auf, hielten die Hände hin und waren so begeistert, dass die beiden Gesellen ihren Weg nur sehr schwerlich fortsetzen konnten, weil die Kinder sie nicht weiterliessen …
Einige von uns schmunzelten: da war etwas von einer neuen, unerschrockenen Generation zu spüren!
Unser Wintergarten blüht weiter. Der Samichlaus und sein Schmutzli, die sind wohl inzwischen bereits wieder unterwegs in den tief- tiefen Wald .

Mondsichel, Glockenton, Glühwein und Schmetterling

Ein kleiner Text zum Abschluss des Weihnachtsmarktes 2014

Dieser Text handelt von Zwischenräumen …
Manche Menschen sagen ja, man sollte zwischen den Zeilen lesen können. Stimmt: manchmal geschieht nebst dem vordergründig Wichtigen auch ganz Kleines, das kaum bemerkt wird. Beginnt man darauf zu achten, tut sich so etwas wie eine kleine (zweite) Welt voller Wunder kund.

So möchte ich hier nicht eigentlich von unserem Markt schreiben, davon kann man in der Homepage ja einiges erfahren. Ich möchte den Rück-Blick eher auf kleine Begebenheiten lenken, die dennoch engstens mit unserer wachen Präsenz am Markt verbunden sind, denn sonst können sie ja nicht bemerkt werden.

Also: der Winter-Weihnachtsmarkt war eher ein Frühlingswetter-Markt. Der Schnee stellte sich gleich beim Abbau der Holzhäuschen am Samstag ein, und seither wird die Welt – auch in der Stadt Bern – gleichsam weiss verzaubert.
Aber noch am 23. Dezember, gegen Abend, blieben die Menschen vor meinem Häuschen ungläubig stehen: ein Schmetterling machte einen Besuch und flatterte beängstigend in der Nähe der Lampen! Meine einzige Sorge war, dass er sich da verbrennen könnte – und so versuchte ich, ihn wieder ins Freie zu scheuchen, wohl wissend, dass sein Leben auch da nicht lange dauern würde.
Es war etwas seltsam-unwirklich Berührendes, ein kleiner himmlischer Flügelschlag, am Tag vor Heilig Abend: Bote einer andern Welt …

Ein anderer Bote in der Vorweihnachtszeit war die Glocke. Die grösste, die tiefste aller Glocken des Münsters. Ich weiss nicht, wer es jeweils hörte; und ich weiss auch nicht, ob es eine Ordnung hatte (ich jedenfalls fand keine: kein Viertelschlag oder so, auch längst nicht jeden Tag): einfach ab und zu, ganz unerwartet, wurde sie ein einziges Mal angeschlagen. Unfassbar, dieser weite und lang-anhaltende dunkle einzige Klang. Wer es gehört hat, weiss, was ich meine: es war wie ein Brückenschlag zwischen Himmel und Erde. Und jeder, der das vernimmt, wird für Augenblicke ein wenig ein anderer … Vergisst vielleicht, warum er eigentlich auf diesem Markt ist. Für einen Moment bist du nur noch Mensch – nicht Käufer oder Verkäufer; keiner, der einen Job macht oder seiner Leidenschaft frönt, nein, nur schlicht und einfach: Mensch.

Ach ja: und dann war da noch so eine kleine Verzauberung, die einem das doch auch Strenge und äusserst Intensive eines ganzen Monat Marktes vergessen liess. In der letzten Woche vor Weihnachten konnte man – falls man mal für kurze Zeit beim Einnachten den Marktplatz verliess und eine kleine Atempause auf der Plattform einlegte, die zauberhafte liegende Mondsichel sehen, die da am klaren Himmel schaukelte; wie eine leise, zarte Wiege …

Anderes war vordergründig präsenter: die Besucher, die Kollegen, die Menschenströme an Sonntagen, die sich vor den Häuschen vorbeischieben; die Begegnungen und feinen Gespräche an stilleren Tagen, das verkaufen-dürfen und dadurch für die Arbeit gewürdigt werden; die gute friedliche Stimmung auch zwischen uns Kunsthandwerkern, und die grosse Leistung unseres Märitbeizli-Teams. Zuweilen wurde es uns gegen Abend ein wenig zu laut durch all die Glühwein-Geniesser … Von Advent ist dann jeweils nicht mehr viel zu spüren.
Aber eben: wer es suchen wollte, fand es trotzdem in den kleinen geschenkten Zwischenräumen, von denen ich hier erzähle und die halfen, dennoch eine Stille – wenn auch nur für kleine Momente, aber wie ewige Zeichen – zu finden. Diese sind nachhaltiger: es flattert, klingt und wiegt noch immer nach …

Wir freuen uns wohl alle bereits auf unseren nächsten Markt!
Bis dahin: herzliche Grüsse und ein gesegnetes 2015!

Christa Seiler

30 Jahre Berner Münster Weihnachtsmarkt

Der Zauber einer Oase ist das Geheimnis der Einmaligkeit!
Dieser Satz stand im Magazin ‚Baern’ 2010 in einem Artikel von mir zu unserem Markt.

Der Satz gilt nach wie vor …

Der Zauber einer Oase …
Nun ja: wir fühlen uns privilegiert, vor dem ehrwürdigen Berner Münster für einen Monat beheimatet zu sein; eingesäumt von Tannengrün und Lichterketten; auch wenn wir uns noch etwas mehr zusammendrängen mussten in den letzten Jahren, damit die Feuerwehrautos auch wirklich Zugang zum Münster hätten, sollte da mal …
Die untere Altstadt scheint vom Trubel der Adventszeit weitgehend verschont zu bleiben, dafür ist Platz für wunderbare Begegnungen und leisere Gespräche.

Geheimnisvoll,
dass wir seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten – drei von uns sind von Anfang an jedes Jahr dabei! – immer wieder hingehen: voller Wärme, Begeisterung für’s Handwerken, voller Impulse für diesen unseren kleinen Markt, der – wie soll man es andres sagen – ein Kleinod ist, zu dem wir grösste Sorge tragen wollen. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass in dieser ‚schnell-lebigen’ Welt professionelle Handwerkskunst ihren Platz, und ihre ‚Würdiger’ und Käufer findet …
Das ‚Mysterium der Begegnung’ mit den Besuchern steht deshalb bei vielen von uns im Vordergrund.
Geheimnisvoll auch, dass wir das ganze Jahr über unseren Markt in unseren Herzen tragen!

Einmaligkeit
Wie kann man von Einmaligkeit sprechen, wenn es doch schon dreissig Jahre sind …?
Das Geheimnis von Einmaligkeit liegt ausschliesslich im Bewusstsein der Menschen und ihrer Aufmerksamkeit, Authentizität und Aktualität zu entdecken. Keine Minute im Leben ist Wiederholung, sofern wir wach dafür sind – denn es ist immer Jetzt!

Trotz der vielen Jahre ist unser Markt einmalig, jetzt, lebendig.
Aber das braucht einen etwas anderen Blick: nicht nur auf das ‚Ding’, sondern auch auf den Urheber desselben: denn jeder einzelne Gegenstand – auch wenn er gleich oder ähnlich aussehen mag wie der vorherige – ist ganz konkret durch die Hände seines Schöpfers gegangen, der damit gerungen hat, wie er es denn nun anstellen soll, damit es schön, wertvoll, von hoher Qualität, authentisch ist …
Und wo in der Welt – Hand aufs Herz – kann man Kleinode kaufen, die nicht aus Zerstückelung und Einzelteilen in irgendwelchen Ländern entstanden sind, sondern von jenen Menschen hervorgebracht, die auch am Markt anzutreffen sind und für ihre Erzeugnisse zeugen.
Erzeugen heisst zeugen, heisst schöpfen, heisst Einmaliges hervorbringen.
Keine Anonymität einer Ware. Sondern menschliche Sorgfalt für jeden einzelnen Prozess, jedes Teil: Liebe zum Kleinen …

Von dieser ‚Liebe zum Kleinen’ und der Anregung zu einem adventlichen Innehalten noch ein kleines Müsterchen:
Das diesjährige Thema unseres Marktes ist Licht: Kerzenlicht …
In einem sehr alten ‚Du’ (Dezember 1947) – die wunderbaren schweizerische Monatsschrift, ua. mit sehr viel Kunstdrucken und berührenden Texten – fand ich einen Artikel ‚Vom Zauber der Kerzen’ (von Albert Bettex). Da steht unter anderem: ‚Halten Sie inne, lieber Leser, wenn Sie so im kleinen den uralten geheiligten Akt der Mehrung des Lichtes vollziehen, schauen Sie zu, wie da vor Ihren Augen ein wundersames stillles Geschehen sich abzuspielen beginnt. Dicht um den Dochtansatz herum schmelzt die Flammenwärme eine winzige kreisrunde Mulde ins Wachs, ebenmässig weitet sie sich aus bis an den Kerzenrand, und in ihrem Grunde sammelt sich das Geschmolzene und wird vom brennenden Docht aufgesogen und nährt das Geleuchte. Genau so viel Nahrung, als die Flamme verzehrt, nicht mehr und nicht weniger, schmelzt sie sich selber mit ihrer Wärme ….’

Solch kleine Beobachtungen sind es, die das Leben auch an den allerkleinsten Orten nähren, befruchten und von einmaligen Geheimnissen zeugen. Sofern man ein wenig still wird, hinblickt und hineinlauscht …

In diesem Sinne eine gute Adventszeit – Christa Seiler

25 Jahre Jubiläumszeitung (PDF)

Verspielter Weihnachtsmarkt

Was hat der Osterhase mit dem Berner Münster Weihnachtsmarkt zu tun? Nun: er erinnert zum einen daran, dass die Zeit dort vor dem Münster – wie die Adventszeit – ein Ende haben wird, dass irgendwann die Knospen spriessen und die Apfelblüten und Maiglöckchen sich ankünden werden und – eben – auch der Osterhase hinter einer Hecke hervorgüggseln wird: ziemlich genau in vier Monaten …
Zurzeit schläft er. In einem kleinen Bettli, gut eingepackt. Aber er spielt schon jetzt Verstecken. Diesmal nicht mit den Eiern, sondern mit sich selbst! Ja: er versteckt sich an einem Schlafplätzchen. Jede Woche woanders, an einem Marktstand. Wer ihn findet, kann das schriftlich vor Ort melden und bei einer Verlosung einen Gutschein von 30 Franken gewinnen, der am Markt eingelöst werden kann. Gut Suche! (Die Teilnahmebedingungen und den Anmeldetalons finden Sie an den meisten Ständen).
Auch eine andere feinsinnige Aktion belebt den Markt. Feinsinnig deswegen, weil da nichts plakativ, sondern leise und ein wenig verborgen ‚daherkommt’ – man muss die Orte aufsuchen! Zum diesjährigen Thema ‚Winterspiele’ gibt es kleine, vergnügliche ‚Zwischenräume’, neben oder in den Verkaufsständen. An fünfzehn Ständen kann also gespielt werden.
Im Märit-Kulturbeizli, Stand Nr. 1, gibt es eine Kugel mit Glückssäuli, die nach dem Schütteln der Kugel in einer bestimmten Position ‚landen’ sollten.
Bei Eva, am Stand Nr. 2, kann man Engelskarten ziehen, und sich einen sinnigen Text zu Herzen nehmen.
Beim Kerzenstand Nr. 3 – nun, da gibt es eine Überraschung …
Bei den Töpferinnen am Stand Nr. 4 sollte man hingehen, wenn der Zuckerpegel gesunken ist: da kann man nämlich vergnüglich Schneemänner fischen; und für jeden Geretteten innerhalb dreier Minuten winkt ein feines Schokolädli. (Wie die das schaffen dort, nebst dem Bedienen von Kunden noch die Sekunden zu zählen, damit auch niemand mogelt …!?)
In der Ecke ganz hinten, beim Stand Nr. 5 (Rudolf Steiner Schule) kann man knobeln. Ich gebe zu, dass ich das nicht geschafft hatte auf meinem kurzen Rundgang. Es braucht wohl ein wenig mehr Zeit und Geduld …
Beim Stand Nr. 6 kann man Pong-Ping-Pong spielen.
Bei Tonia und Steff (Stand Nr. 7) ist eine herrliche Kugelbahn in Betrieb! Die Kugeln nehmen einen ungewöhnlichen Lauf! Ausprobieren!
Bei Nr.9 und 10 ist Würfeln angesagt: Zimtsterne oder Ängeli .
Bei den Drechslern, Stand Nr. 11, gibt es eine richtige kunstvolle, selbstgebaute Kegelbahn! Auch dort müssen neun Schneemänner dranglauben (Schneemänner kegeln)!
Bei Therese, Stand Nr. 17, kann man in einem Spielkasten vor dem Märithäuschen mit Glasstücken Tangram legen.
Pia am Stand Nr. 22 verführt mit einer wunderschönen Anordnung auf einem Extra-Tischchen zum Duft-Ratespiel …
Am Stand Nr. 23 bei Claudia gibt es einen Kletterengel … Bei Tom (Nr. 25) ist Zwirbeln angesagt.
Am Stand Nr. 26 kann man eiskunstlaufende Grazien selber über das Eis führen (Patinage magique).
So, das wäre mal ein anderer Rundgang durch unseren Märit! Es lohnt sich übrigens, jedes Jahr den Spuren des im Sommer gefassten Märit-Themas nachzugehen. Es ist jedes Mal so etwas wie eine zweite Szene – nebst unserer Handwerkskunst -, und fast so etwas wie ein Geheimtipp …
Viel Vergnügen beim Spielen! Christa Seiler

Danke

Nun hat es zu guter Letzt der Wettergott – entgegen aller Prognosen – doch noch gut mit uns gemeint! Wir hatten von allem etwas während dieser drei Wochen: ein klein wenig Sonnenschein, ziemlich viel Regen, Nebelschwaden rund um den Münsterturm, eine kurze Zeit so viel Schnee, dass es ans Dächer-räumen ging, und – fast nie Sturm, wenn man einmal absieht vom Wirbelwind, der uns gestern auf dem ganzen Markt heimgesucht hat. Clown Rosa wirbelte um die Passanten und Kunsthandwerker herum, verteilte aus einem überdimensionalen Löffel Buchstabensuppe und machte mit Alt und Jung ihre Spässchen. Vielleicht war sie dem einen oder der anderen zu schrill, zu laut: ich aber beobachtete sie sehr genau und sah, wie sie hinguckte, sensibel wahrnahm, und dann ihr Liedchen oder ihre Kleinst-Aktion blitzschnell dem Gegenüber anpasste. Das ist Kunst: wahrnehmen, denken und dann handeln, in dieser Reihenfolge …
Morgen ist unser letzter Markttag. Nach Weihnachten geht es ans Aufräumen.

Er war wieder schön! Dankbar und voller Zuversicht – so hoffe ich – denken wir schon bald wieder an unseren nächsten Markt, der für uns alle so etwas wie ein sensibles Kleinod geworden ist, all die Jahre hindurch. Zu dem wir Sorge tragen wollen, und dem wir ein ganz eigenes Antlitz geben. Mit Herzblut …

Das OK-Team wird sich schon bald treffen, um auszuwerten und Ideen zu spinnen. Das Plenum, das heisst alle Teilnehmenden, werden sich auch mehrmals treffen, mal im Frühling, mal im Sommer und mal im Frühherbst. Es gibt immer viel zu bedenken.

Allen einen grossen Dank: jenen hinter den ‚Ladentischen’ und all jenen, die zu uns kamen, die durch Kaufen unsere Existenz und das Weiterkreieren ermöglichen, und all jenen, die uns einfach besuchten um uns zu grüssen, um vom vergangenen Jahr zu berichten, um für alles Weitere gute Wünsche mitzugeben. Manche sieht man eben nur dort, alle Jahre wieder, vor dem Münster.

Ein friedvolles Weihnachtsfest, einen guten herzhaften Start ins neue Jahr, intenive elf Monate, und dann, ab dem 30. November 2013: wieder dort auf dem Münsterplatz!

Bis dann, herzlich,
Christa Seiler

Besuch

Das war gestern. Es war wie im Film. In ‚Amour’, zum Beispiel. Sie hatten sich angekündigt: wir kommen am Dienstag! Sie kamen wirklich – es hatte den ganzen Tag geschüttet, als hätte Petrus nichts anderes zu tun gehabt – am Abend, bevor sie wie jedes Jahr zusammen essen gingen: die zwei Töchter – mit Ehemännern – und mit ihren wunderbaren alten Eltern, beide auf Stöcke gestützt, – aber das Leuchten in den Augen, diese Zuversicht, dieser unverbrüchliche Optimismus …! Für das Mütterchen hatte ich schon eine Sitzgelegenheit vorbereitet in meinem engen Häuschen. Der Vater blieb draussen im Regen stehen, gestützt auf seine Stöcke, und auf mein öfteres besorgtes Nachfragen, ob das geht, kam immer die gleiche Antwort: ja ja, ich habe ja Stützen! Einmal sagte er zu seiner Frau: kauf dir was Warmes! Und dann, während die andern sich umsahen und einkauften, sagte der Vater, er mache eine kleine Runde über den Markt. Später kam er zurück, nahm mich ein wenig beiseite, sah mich an und sagte leise: gell, du nimmst es mir nicht übel, ich habe beim Drechsler ein Käsbrett gekauft! Oh nein, sagte ich, weisst du, ich habe dort vor wenigen Tagen auch ein Brotbrett gekauft! Wo er es verstaut hatte, so ohne freie Hände, habe ich nicht rausgekriegt …
Es war, nach diesem verregneten Tag, ein wenig wie im Stall zu Bethlehem! Hell. Mit tausend Sternen. Für mich jedenfalls …

Begegnungen 2012

18. Dezember 2012

Das Schönste an unserem Markt sind die Begegnungen. Das ‚Mysterium der Begegnung’: ein Lieblingsbegriff von mir! Von Mensch zu Mensch. Kleine Gespräche. Erinnerungen zumal. Manchmal ein Wiedersehen nach vielen vielen Jahren.
Die Liebe zum Kleinen, die Sorgfalt der Gestaltung der Unikate, aber eben auch des ‚von Du zu Du’, direkt, Auge zu Auge, Berührung, ein Händedruck, ein Blick: Jo äbe: wie viel reicher ist unsere wirkliche Welt gegenüber einer virtuellen! Was für ein Schatz an Werten unser Markt uns allen bietet! Kleine Begebenheiten, die aber wahrgenommen werden müssen …

Plötzlich entdeckst du, dass jemand einen kleinen Engel an deinem Stand, ein Unikat an einem andern fotografiert, oder es stellt sich heraus, dass die Frau, die eben den Titel der Broschüre ‚Freiheit ist nicht liberté, Freiheit ist élan moral’ (Carl Oechslin) fotografierte, Journalistin ist und unbedingt irgendwann mit mir darüber sprechen möchte, wenn die Turbulenzen des Marktes vorüber sind, und ihr kleiner Sohn den Sturz auf dem Eis verwunden hat …
Freiheit: auch so ein Thema!

Und dann war da noch der kurze heitere Exkurs einiger Kolleginnen und Kolleginnen, so zwischendrin: als wir uns überlegten, ob wir nicht ‚zum Weltuntergang’ etwas Originelles beisteuern könnten! Eine Idee war: am 21., zu Marktbeginn, sitzen wir alle auf unseren Hüüslidächern, mit kleinen Flügeln, zum abheben wenn es so weit ist …; eine andere: Militärbisquits verteilen, als Notration, damit man nicht plötzlich anfängt, Ohrläppchen anzuknabbern. O je!
Wir alle sind am 21 vor Ort, und ftreuen uns auf Sie: ‚Aua: wir leben!!’ Wir alle, hüben oder drüben …!

Nächstes Jahr also. Es geht weiter! Auf unzähligen Ebenen.

Christa Seiler

Berner Münster Weihnachtsmarkt 2012

Verschneit und vom Winter verzaubert stehen die von Lichterketten umrankten Holzhäuschen des Berner Münster Weihnachtsmarktes in der Abgeschiedenheit der unteren Altstadt Berns.
Der Weg zu den Handwerkskünstlern vom Münsterplatz muss bewusst unter die Füsse genommen werden. Mittlerweile ist den meisten Besuchern bewusst, dass es dort keine Massenware, sondern nur individuell hergestellte Unikate aus Ateliers und Werkstätten – vor allem aus der Region Bern – gibt.

Am 6. Dezember besuchte uns der Samichlaus mit dem Schmutzli, und da gab es ein herziges Ereignis: der Samichlaus brachte nämlich allen Standinhabern einen Grittibänz, und die Kinder warteten, bis er sich auch ihnen zuwandte. Ein kleines Mädchen trippelte hinterm Samichlaus her, wenn er bedächtig ging, und blieb mit grossen Augen stehen, wenn er stehen blieb. Dieses Mädchen umkreiste hinterm Chlaus den ganzen Märit! Diese Äugelein! Staunen sollte nie verlernt werden!

Noch eine andere kleine Geschichte: vorgestern beobachtete ich, wie ein japanischer Tourist eine Laterne bei einem unsrer Torbogen öffnete; ich dachte schon was Dummes …, aber dann bemerkte ich, dass er seine Hände still über die Kerze hielt. Es war kalt. Zu kalt.

Am 20. Dezember, 18-19 Uhr, gibt es auf dem Märit ein Konzert ‚Tuba Christmas’ von der Musikschule Konservatorium Bern. Ein Anlass, um den Markt zu besuchen und sich vorweihnächtlich einzustimmen!

Allen eine gute Adventszeit, herzlich, Christa Seiler

Handwerkskunst - ein klein Teil Glück ...

Handwerkskunst – ein klein Teil Glück …

Der letzte Weihnachtsmarkt auf dem Münsterplatz ist vorüber, aber die Themen, die uns bewegen, die bleiben. Sie sind zeitlos, oder gar wieder verstärkt zukünftig …

Wozu Handwerk, Handwerkskunst? Sind die Kunsthandwerker nicht alles Nostalgiker, Alternative, die ins letzte Jahrhundert gehören?

Weit gefehlt: schon zum zweiten Mal innert weniger Monate finden sich in der Zeitschrift ‚ZE!TPUNKT’ Artikel rund um die Themen Handwerk, selber herstellen etc. Das Editorial der letzten Ausgabe beginnt mit dem Satz des Herausgebers Christoph Pfluger: ‚Alles Neue begann als Selbstgemachtes’. – Ist das in unserem Bewusstsein, dass ‘alles Neue als Selbstgemachtes begann’?

Christine Ax, die Philosophin und Ökonomin aus Hamburg (s. Artikel im ‚ZE!TPUNKT und Autorin der Bücher ‚Das Handwerk der Zukunft’ und ‚Die Könnensgesellschaft – mit guter Arbeit aus der Krise’) sagt uns allen (den Hand-Arbeitern) eine ‚rosige’, gesunde und glückliche Zukunft voraus: ‚Angesichts einer Arbeitswelt, die immer mehr Menschen nur noch die Wahl zwischen burn-out und bore-out lässt, erscheint es verständlich und notwendig, wieder selber in die Hand zu nehmen, was uns wirklich am Herzen liegt.’

Es scheint grad eine Welle in Gang zu kommen – auch unter Jungen – wieder selber Hand anzulegen, Gemüse zu ziehen, Häuser selber zu planen und zu bauen, Dinge zu flicken und zu verwandeln; zu stricken, zu sticken …! Nicht unbedingt, weil es billiger kommt! Nein: dem Seelenfrieden zuliebe!

Auch ich persönlich bin überzeugt, dass seelische Gesundheit – Lebensfreude, Sorgfalt für Mitmenschen, Materialien und Umwelt, Hinwendung und vieles mehr – zu tun haben mit dem Fingerspitzengefühl, das bei jeder Handwerkskunst, bei jedem Hand-Anlegen vonnöten ist.
Es braucht den ganzen Menschen!
Die Artefakten und die Materialien verlangen von uns eine ihnen gemässe Behandlung: wir stellen uns also mit unserer ganzen kreativen und individuellen Kraft auch in den Dienst objektiver Gesetzmässigkeiten! So bin ich überzeugt, dass ein Gut-Teil der Befriedigung dieses ist: reales Arbeiten mit realen echten Materialien und ihren je eigenen Sinnes-Qualitäten. Wir sind während des Arbeitens gleichzeitig bei uns und in der uns umgebenden Welt: Dieser Brückenschlag ist es, den viele in un-wirtlichen, un-sinnlichen, un-konkreten Arbeitsverhältnissen vermissen …

März 2012
Christa Seiler